Affekt vs. Gefühl

Kennen Sie den Unterschied zwischen Affekten und Gefühlen? Mit dieser in unserer Selbsterfahrung wichtigen Frage möchte ich mich in diesem Blog-Beitrag beschäftigen. Zu Beginn möchte ich das mit einem kurzen fiktiven Beispiel verdeutlichen:

Anton und Bernd stehen in einer Bar und unterhalten sich. Während Bernd etwas enthusiastisch erzählt, sieht Anton plötzlich einer attraktiven Frau hinterher, die gerade den Raum betreten hat. Bernd merkt, dass sein Freund mit der Aufmerksamkeit nicht mehr bei ihm ist und gleich fällt ihm auch die Faszination seines Freundes an der eingetretenen Frau auf. Er bemerkt: "Die gefällt dir aber gut." Anton wundert sich über die Aussage, blickt kurz auf seinen Ehering und entgegnet: "Natürlich gefällt sie mir nicht, ich bin doch verheiratet."

Dieses Beispiel zeigt, wie Affekte in uns entstehen und erst nach einer unbewussten Verarbeitung ins Bewusstsein dringen können. Im Sinne von Anton und Bernd: Anton nimmt nicht bewusst wahr, dass ihm die Frau gefallen hat - ja er wundert sich sogar über die Aussage seines Freundes. Stattdessen setzte ein unbewusster Prozess ein, der den sozial für ihn unverträglichen Affekt in etwas für ihn Akzeptables verwandelte.

Affekte

Affekte sind die früheste Gefühlsanlage unseres Lebens, die sich schon bei Säuglingen zeigen, lange bevor Sprache oder unbewusste Verarbeitungsprozesse heranreifen. Es sind ganz unvermittelte Impulse in den grundlegendsten Gefühlsdimensionen: Freude, Wut, Trauer, Angst, Ekel, Überraschung oder Interesse. Diese Affekte entstehen permanent in uns und sind ein ganz unmittelbarer Ausdruck davon, wie wir unser Umfeld gerade wahrnehmen. Dabei folgen Affekte aber keiner sozialen Logik oder einem Muster, das für unser tägliches Leben gut sein muss. Egal ob Freude, Trauer oder Wut - diese Regungen entstehen in uns ohne Prüfung, was das als Konsequenz für uns bedeuten könnte. Dabei können sie sich auch mal widersprechen, also zwei gegenteilige Affekte in uns auslösen, sozial für uns unverträglich erscheinen oder aber von uns gerade einfach nicht gespürt werden wollen.

Bewusste Gefühle

Um die ganz unmittelbaren Affekte daher in unser Leben zu integrieren und eventuell problematische Affekte zu filtern, werden sie verarbeitet. Die dafür notwendigen Prozesse beginnen sich schon im frühen Kindesalter zu entfalten. Dazu gehört etwa die Entwicklung eines moralischen Gewissens, das die Affekte eben auf ihre Verträglichkeit prüft. Viele Affekte können vielleicht frei ausgelebt werden, für die anderen steht eine Palette an Abwehrmechanismen zur Verfügung. Diese verhindern, dass bestimmte Affekte in ungefilterter Form ans Tageslicht kommen. Zu diesen Abwehrmechanismen zählen zum Beispiel die allgemein bekannte Verdrängung, aber auch eine ganze Bandbreite anderer, die den Rahmen dieses Beitrags jedoch sprengen würden.

Zusammenfassend entwickelt so jeder Mensch unbewusst seinen eigenen Zugang zu seinem inneren bewussten Erleben - geschaffen entsprechend der Erfahrungen in einer Welt, wie er sie um sich erlebt. Erst diese unbewussten Verarbeitungsprozesse machen uns zu den Menschen, die wir heute sind und als die wir uns als Ergebnis bewusst erleben.

Mein Zugang in der Psychotherapie

In der Psychotherapie ist es ein ertragreicher Prozess, diese Verarbeitungsmodi anzusehen und verstehen zu lernen. Zunächst einmal ist es eine tolle Leistung des Menschen, den unerträglichen Teil der Affekte so zu verarbeiten, dass ein angenehmeres Leben geführt werden kann. Dennoch zeigt sich, dass es in einer Therapie wichtige Erkenntnisse bringt, auch diese inneren Modi anzusehen.

Zum Einen wurden manche Verarbeitungsmodi in früheren Phasen des Lebens eingewöhnt und waren damals sehr wichtig - vielleicht sind sie das aber heute nicht mehr. Dann könnte durch einen neuen Zugang ein breiteres Gefühlserleben möglich werden. Zum Anderen kann durch ein Spüren der Affekte deren Bedeutung, aber auch ihre Ursache reflektiert werden - auch dadurch wird eine neue innere Ordnung der Gefühle ermöglicht, mit einem direkteren, authentischeren Zugang zum eigenen Wesen.